Die Schröpfkopftherapie: Eine Reiz- und Reaktionstherapie? Teil II

Im ersten Teil unserer Reihe Die Schröpfkopftherapie: Eine Reiz- und Reaktionstherapie?“ sind wir auf die  tradierten Worte des Propheten صلى الله عليه وسلم eingegangen, um aufzuzeigen, dass diese im Einklang mit der wissenschaftlichen Erkenntnis über die Funktions- und Wirkweise der Schröpfkopftherapie stehen, und zwar, dass  die Schröpfkopftherapie eine Reiz- und Reaktionstherapie ist.

Was ist aber eine Reiz- und Reaktionstherapie? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das gemeinsame Wirkprinzip der Naturheilweisen nachvollziehen können. Grundsätzlich gilt, dass die natürlichen Wirkfaktoren nicht für sich genommen heilen, sondern auf die Mithilfe des Körpers angewiesen sind. Gemeint damit ist, dass die Schröpfkopftherapie nur darauf abzielt die die Selbstheilungskräfte des Organismus zu stärken oder erst zu aktivieren, wenn es dazu nicht selbstständig in der Lage ist.

Es kommt in Folge dessen zu einer Anregung und Unterstützung des Organismus durch das Schröpfen, womit gemeint ist, dass Kräfte zur Abwehr von Krankheiten angeregt und unterstützt werden.

Die wesentliche Wirkung des Schröpfens ist also die Umstimmung, bei der ein Reiz gesetzt wird, um die Abwehrkräfte des Organismus zu steigern. Sie ist demnach eine Methode, die der Umstimmung gestörtert Selbstregulationsmechanismen des Körpers dient, um ihn für die Abwehr krankmachender Einflüsse überhaupt erst fähig zu machen. Weitere wesentliche Wirkungen sind – wie zuvor bereits erwähnt – die Regulierung der gestörten Körperfunktionen, die Schmerz- und Krämpfebekämpfung und schließlich die Durchblutungsförderung und Entzündungshemmung.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Worte des Propheten صلى الله عليه وسلم zitieren. Al-Buchârî رحمه الله verzeichnete im Buch der Medizin (zu arabisch: kitâb al-tibb) im Kapitel: „Die Schröpfkopftherapie bei Leiden“ die von Anas رضي الله عنه, dass er über den Lohn des Schröpftherapeuten gefragt wurde, woraufhin er antwortete:

Der Gesandte Allahs صلى الله عليه وسلم ließ sich schröpfen. Geschröpft hat ihn Abu Taibah, dem er zwei Maßeinheiten an Speise [als Lohn für seine Arbeit] gab und in seinem Interesse mit seinen Herren gesprochen hat, woraufhin sie ihm einiges [an schwerlastiger Arbeit] abgenommen haben. Und er sagte: „Das vorzüglichste, womit ihr euch behandeln lässt, ist die Schröpfkopftherapie und der indische Kostus.

Wie im ersten Teil erwähnt, gehört die Schröpfkopftherapie zu den Fundamenten der Medizin und insbesondere der prophetischen Medizin.

Die Frage, wann die Schröpfkopftherapie beginnt zu wirken, ergibt sich aus den meisten Artikeln nicht. Die überwiegende Mehrheit unter den Autoren beschäftigen sich mehr mit dem geschröpften Blut, wohingegen sie den Einfluss des Schröpfkopfes völlig außer Acht lassen, als wäre der Schröpfkopf ein sinnloses Anhängsel. Dabei spielen sich unterschiedliche Szenarien bereits unmittelbar nach dem Ansetzen der Schröpfköpfe. Darüberhinaus darf und sollte man nicht aus dem im ersten Teil genannten Ausspruch des Propheten صلى الله عليه وسلم verstehen, dass die Heilung ausschließlich mit dem Anritzen der geschröpften Hautzone einhergeht.

Der Prophet صلى الله عليه وسلم sagte nämlich in einem von Jâbir رضي الله عنه unter anderem bei Muslim verzeichneten Hadîth:

Gewiss, im Schröpfen liegt Heilung.

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass selbst das trockene Schröpfen, das bekanntlich einen nicht wegzudenkenden Aspekt des blutigen Schröpfens und der Schröpfkopfmassage darstellt, Teil der Heilwirkung ist.

Anita Shannon schrieb in einem ihrer Artikel darüber, dass die therapeutischen Applikationen der Schröpfkopfmassage auf das Herbeiführen einer Hyperämie in der geschröpften Hautstelle gründen, um die überschüssigen Flüssigkeiten und Gifte auszuleiten, Verklebungen zu lösen und das Bindegewebe anzuregen, das Blutkreislaufsystem in der Haut und den naheliegenden Muskeln anzuregen, sowie auch das periphere Nervensystem zu aktivieren.

Wieder einmal erkennen wir, dass die Schröpfkopftherapie den Körper reizt und eine Reaktion von ihm erwartet. Daher ist es üblich, wenn der Patient mehrerer Sitzungen bedarf, um eine spürbare Verbesserung seines gesundheitlichen Zustands wahrzunehmen.

Funktions- und Wirkweise der Schröpfkopftherapie

Nachdem wir detailliert darlegen konnten, dass sowohl trockenes als auch blutiges Schröpfen miteinander korrelieren, möchten wir schließlich die Wirkweise der Schröpfkopftherapie genauer darlegen:

Durch das Saugprinzip während einer Schröpfkopftherapie entsteht ein Extravasat, also es tritt aus dem Blutgefäß- und Lymphgefäßsystem im Rahmen der sogenannten Extrvasation Flüssigkeit aus, die sich im umliegenden Gewebe verteilt und zu einer Schwellung führt, also einem Hämatom.

Das Hämatom verflüchtigt sich nicht sofort. Der Resorptionsprozess, also ein Prozess, bei dem körpereigene oder -fremde Stoffe durch lebende Zellen oder Gewebe aufgenommen werden, dauert unter Umständen mehrere Tage.

Dadurch reagiert das Gewebe mit verstärkter Reaktion. Die umstimmende Wirkung besteht drin, dass das Blut in der fremden Umgebung wie ein Fremdkörper und damit als Reizkörper wirkt. Was geschieht nun? Das angesammelte Blut in den Geweben muss zuerst in seine Bestandteile zerlegt werden, damit es abtransportiert werden kann.

Dadurch aber, dass das Blut im Gewebe zerfällt, setzt der Organismus Vorgänge in Bewegung, er vermehrt z.B. die Anzahl der Antikörper. Die in Bewegung gesetzten Vorgänge des Oragnismus regen allerdings die Abwehrkräfte des Organismus an. In Folge des Resorptionsprozesses wird die Neubildung der Blutkörperchen gefördert.

Proteolytische Enzyme, die nach Kenntnissen der heutigen Wissenschaft bei Entzündungsprozessen austreten, vermehren sich. Dabei spielt es eine Rolle, dass die Vermehrung kontrolliert und gesteuert stattfindet, wie es W. Greuer formuliert hat. (siehe: Zur Bedeutung endogener proteolytischer Fermente, von W. Greuer). Schließlich kommt es zur Lösung von Entzündungsprozessen im Organismus.

Was bewirkt das Anritzen der Oberhautfläche?

Dr. Amir Muhammad Saalih, Dozent an der Chicago Universität in den Vereinigten Staaten, sagte:

Sobald dem Körper ein Kratzer oder eine Schramme widerfährt, gerät das Immunsystem in Alarmbereitschaft. Denn die Haut gilt erste Verteidigungslinie des Körpers, sodass die Ausschüttung von Leukozyten (weißen Blutkörperchen) erhöht und dadurch die Immunität ansteigt. Und im Falle dessen, wenn der Körper gereizt wird, wird das Immunsystem aktiviert. Darüberhinaus gibt es natürliche Anreize. So wissen wir, dass das Immunsystem bei einer Schwangeren überdurchschnittlich aktiv ist und die Anzahl der Leukozyten beträchtlich ansteigt. Zuguterletzt gibt es mechnische Anreize durch das Anritzen bestimmter Hautregionen, die zum selbigen Ergebnis führen. Und dies ist bei der Schröpfkopftherapie der Fall.

Zudem fördert die Schröpfkopftherapie beim blutigen Schröpfen durch den Spüleffekt die erwünschte Ausscheidung von Schlackenstoffen, wodurch der Körper bei der Ausscheidung und Ausleitung von überschüssigen Flüssigkeiten und Giften unterstützt wird.